Ein interessantes Statement hörte ich in einer Fernsehdiskussion ("Menschen bei Maischberger", ARD 5.08.2010) von Oskar Lafontaine: Strukturbedingte Probleme in Wirtschaft und Gesellschaft ließen sich nicht durch die Art des Denkens lösen, das die problemerzeugenden Strukturen erschaffen hat > . Hey, er hat ein totes Pferd > entdeckt und rät abzusteigen. Das ist viel versprechend. Was schlägt er vor?
Ich werde hellhörig. Verblüfft höre ich von ihm den Vorschlag, in den Mittelpunkt der Wirtschaftsordnung nicht das unselige "ökonomische Prinzip" > mit dem Leitbild "maximale Rendite um jeden Preis" - untrennbar verbunden mit der einseitigen Betrachtung des Menschen als reinen Kostenfaktor - zu stellen, sondern ...?
Jetzt wird es spannend, und er sagt es tatsächlich: In den Mittelpunkt des Modells einer funktionierenden Wirtschaft gehört die Würde des Menschen als zentraler Wert. Eingeschlossen sind Mitarbeiter auf allen Ebenen, von Mini-Jobbern über Mindestlöhner bis hin zu den Führungsetagen.
Nanu - das von einem profilierten Vertreter der SED-Nachfolgepartei? Wie ernst er es wohl damit meint? Wieviel Rückhalt er damit wohl im praktisch gelebten Parteiprogramm hat? Und wie viele Mitglieder seiner Partei wohl aus vollem Herzen hinter diesem Leitbild stehen? Gestehen wir ihnen zu, dass sie dazu fähig sind, mehrheitlich innovativ zu sein, bis sie uns das Gegenteil beweisen.
Die Väter des Grundgesetzes jedenfalls wären sehr einverstanden. Nicht nur inhaltlich, auch mit der Logik der Argumentation. Wer von den heutigen Menschen Lafontaine dabei zuhört, wie er diese Gedanken überzeugend entwickelt, wird es schwer finden, ihm zu widersprechen. Er ist halt ein begnadeter Rhetoriker mit viel Charisma und Überzeugungskraft. Ich ertappe mich bei dem Gedanken, ich könnte ihm auch fasziniert zu folgen versuchen, wie er den genau gegenteiligen Standpunkt entwickelt und mühelos jeden Einwand zerlegt ...
Hallo, woher kommt jetzt dieses Misstrauen? Werfe ich ihn in einen Topf mit den Mitgliedern unserer Regierungselite, die alles dafür tut, uns in dem Glauben zu trainieren, dass "die Politiker" sowieso nur das erzählen, was ihnen die jeweils letzten Umfrageergebnisse nahelegen. Und dass ihre Medienberater sie einfach so lange coachen, bis sie selbst halbwegs glauben, was sie verkünden - wobei ja sowieso schon bald eine neue Parole ausgerufen werden wird. Die erste Garde unserer Spitzenpolitiker scheint sich beständig im Wahlkampf oder zumindest Vorwahlkampf zu befinden. (Zwischenfrage: Finden sie in ihrer knappen Freizeit zwischen den internen Scharmützeln noch Zeit, uns zu regieren? Falls ja - Chapeau!)
Wie erkennen wir also, ob es jemand wirklich ernst meint mit dem, was er sagt, und ob er tatsächlich festen Willens ist, sich für diese seine Überzeugungen nachhaltig zu engagieren, um sie im persönlichen und politischen Handeln umzusetzen? Wie kann er die Stärke entwickeln, sich auch durch verlockende Angebote nicht davon abbringen zu lassen, oder schwach zu werden, wenn er unerwartet oder gar über längere Zeit hinweg Stress oder Nichtbeachtung statt der gewünschten positiven Resonanz erfährt?
Die einfachste Form der Forschung besteht hier darin, das Verhalten unseres Rhetorikers zu beobachten, was im Falle eines öffentlich so gut sicht- und hörbaren Politikers kein Problem ist. In derselben Sendung wurde er danach gefragt, wie kompatibel er es findet, ein Gutverdiener und gleichzeitig ein LINKER zu sein, und da verweist er auf sein Parteiprogramm, zu dessen festen Bestandteilen der Ruf nach Erhöhung des Spitzensteuersatzes für Vermögende und Gutverdienende gehöre.
Ein bisschen dünn? Immerhin steckt darin die Idee: ich bin bereit, mich zu bewegen, wenn es mir vorgeschrieben wird - eine Mentalität des Verwaltens und Verwaltet-Werdens, die schon besser zum in vielen Köpfen vorherrschenden LINKEN Welt- und Menschenbild passen mag.
Vielleicht realisiert Lafontaine aber auch eine Gestalter-Mentalität und engagiert sich längst in Charity-Projekten, einer Stiftung oder im Bereich der Social Entrepreneurship > . Schade, dass die Deutschen sich hier so bedeckt halten. Aber auch verständlich, wenn man die deutschen Kommentare zu "The Giving Pledge" > verfolgt. In 60 Jahren Frieden und Wohlstand haben wir uns nicht nur geleistet, das "Jammern auf hohem Niveau" zu kultivieren, sondern auch das "Mäkelns auf hohem Niveau". Kaum zu entscheiden, was wir inzwischen besser können. Beides lenkt zuverlässig ab von der Frage: "Und welchen Beitrag leiste ich heute, im Rahmen meines Einflussbereichs, um die Lebensqualität anderer zu verbessern?"
Gehen wir also noch einmal zurück ins Jahr 1949 - zum Start des Abenteuers Demokratie in Deutschland - und schauen wir einmal nach, was das Grundgesetz uns zum Thema "Würde und Gesellschaftsordnung" vorgibt. Stellt es Artikel 1 > in einen größeren Rahmen?
Wir erinnern uns: Für die Gründerväter war die Erfahrung der verblendeten Selbstherrlichkeit weiter Teile der Eliten aus Wirtschaft, Gesellschaft und Politik mit ihren tödlichen Folgen so unmittelbar präsent, dass sie einen Schutzbrief gegen diese Gefahr verfassten, der bis heute nichts von seiner Wirksamkeit verloren hat - vorausgesetzt, man macht ihn sich zu eigen.
Wo finden Sie ihn? Gleich ganz vorn, in der Präambel > - schauen Sie selbst. Vergleichen Sie, was dort formuliert ist, mit dem konkreten Handeln von Eliten und einfachen Bürgern dieses Landes - gern natürlich auch mit Ihrem eigenen Streben. Welche Entwicklung über die Jahre und Jahrzehnte wird darin deutlich? Wir kommen darauf zurück.







