Ob es "einen Gott gibt" oder nicht, wird nicht durch den Glauben eines Menschen entschieden. Wohl aber entscheidet jeder Mensch, welche Bedeutung das Wort "Gott" für ihn hat, welche Bilder > er damit verbindet, wie intensiv er das für sich selbst definiert und wieweit er einfach einen Glauben, den andere formuliert haben, für sich übernimmt oder ablehnt.
Was ein Mensch glaubt, hängt mit der Frage zusammen, mit welcher Landkarte er in seinem Leben unterwegs ist und wie groß das Gebiet ist, in dem sie gelten soll. Wer sich nur in der eigenen Stadt orientieren möchte, ist mit einem Stadtplan hinreichend bedient - er muss sich nicht mit der Frage auseinandersetzen, ob die Erde eine Kugel, eine Scheibe oder vielleicht gar eine Hohlkugel ist > . Alles kann zutreffen, er kann sich ein Modell aussuchen, und es wird seine Orientierung mithilfe des Stadtplans nicht beeinträchtigen.
Wer mit einem Stadtplan unterwegs ist, arbeitet mit Informationen, die andere für ihn ausgewählt und zusammengetragen haben. Er muss darauf vertrauen, dass die Informationen gewissenhaft ermittelt und exakt in das Modell "Karte" eingegeben worden sind. Trifft er auf Orte, an denen die erlebte Landschaft nicht mit der vorgefertigten Landkarte übereinstimmt, wird seine unmittelbare Erfahrung für ihn mehr zählen als das Druckwerk in seiner Hand.
Möchte er eine Weltreise unternehmen oder interessiert er sich für einen Urlaub auf einer Raumstation, wird er sich für ein Modell der Erde öffnen, das diese Möglichkeiten einschließt. Die Erfahrung einer Erdumrundung führt ihn dann zu dem erlebten Wissen, dass die Erde keine Scheibe, sondern eine Kugel ist, und dass sich unser Leben auf ihrer Oberfläche und nicht in ihrem hohlen Innenraum abspielt. Sein neues Modell der Welt passt zu seinen erweiterten Erfahrungen und wird für ihn so lange gültig und brauchbar sein, bis er auf Daten trifft, die es in Frage stellen und eine Erweiterung nahelegen.
Glaubensfragen sind Fragen über Modelle, die Wahrheit in Teilen abbilden, und zwar jeweils so weit, dass die aus ihnen gewonnene Lebens-Landkarte zu den tatsächlichen Lebenserfahrungen passt. Wer lebendige Gotteserfahrungen gemacht hat, wird nicht mehr verbissen darum diskutieren, ob andere dasselbe Modell verwenden wie er, ob sie mit der guten alten Landkarte oder einem GPS-gesteuerten Navi unterwegs sind. Er kann aus Erfahrung sagen, dass sein Modell für ihn und seine Gottsuche passt, ihm Segen gebracht hat und ihm ermöglicht, zunehmend mehr aus Weisheit und Liebe zu handeln als aus Befindlichkeiten und selbstsüchtigen Wünschen.
Liebevolle und weise Menschen verstehen einander in ihrer "Ehrfurcht vor dem Leben" (Albert Schweitzer), unabhängig davon, durch welches Fenster sie in den EINEN Himmel schauen. Sie wissen, dass jedes Fenster einen begrenzenden Rahmen hat, dass viele Wege auf denselben Gipfel führen, und dass jeder dieser Wege nur denjenigen zum Gipfel führen wird, der einfach jeden Tag seine Strecke zurücklegt, ohne sich damit aufzuhalten, abwertende Urteile über die Bemühungen anderer abzugeben.
Wenn wir Kriterien für die "Brauchbarkeit" eines Gottesbildes oder Gottesmodells formulieren, das wir in die tägliche Lebensgestaltung einbinden können, schlage ich drei Kriterien vor:
Ein Gottesbild ist dann am brauchbarsten, wenn es
die Kriterien "Allgegenwart, Allwissenheit, allumfassende Liebe und Weisheit" erfüllt, dh die Polaritäten der Schöpfung transzendiert;
die Goldene Regel als verbindliches Gebot beinhaltet: Geh mit deinen Mitmenschen und mit der Schöpfung so um, wie du möchtest, dass mit dir umgegangen wird > ;
den Anwender dazu veranlasst, eine lebendige Beziehung zu Gott aufzubauen und täglich danach zu streben, die von Jesus Christus formulierten beiden größten Gebote einzuhalten: Gottesliebe und Menschenliebe (Mk 12, 29-31> ). Nicht als Gefühl, sondern als praktisch gelebtes Beziehungsangebot. Dazu gehört Handeln nach außen und Handeln nach innen: Gebet, Kontemplation, Meditation.
Der Umgang mit Menschen, die es auf diese Weise ernst meinen mit Gott, ist ein Segen und eine Wohltat. Ich wünsche Ihnen viele inspirierende Begegnungen mit solchen Menschen. Oft fallen sie zunächst gar nicht besonders auf, aber es lohnt, den Blick zu schärfen für die kleinen Signale der Liebe, Freude und Dankbarkeit, des inneren Friedens, des Respekts und der "Ehrfurcht vor dem Leben" ...







